Sonntag, 22. Juli 2018


Mein Kumpel Achim hat Angst vor Spinnen, so wie ich. Nur seine Bewältigungsstrategie ist eine andere.

Wir tauschen uns gelegentlich darüber aus. 


Während ich dazu neige, den Arachnoiden mit Buch oder Klatsche gleich vor Ort den Garaus zu machen, greift er zu einer zeitaufwändigeren Methode: 

Zunächst einmal wird das Krabbelvieh durch Wedeln oder laute Klopfgeräusche von der Wand in eine dunkle Ecke getrieben. Anschließend wird der gesamte Raum mit einer Dose hochleistungsfähigen Insektengifts großflächig ausgesprüht, sodann fluchtartig verlassen. Nach einigen Stunden kann das Zimmer wieder betreten, gründlich gelüftet und der Leichnam in Ruhe beseitigt werden. 


Achim begründet sein Vorgehen mit dem entsetzlichen Ekel, der ihn beim Anblick der im Todeskampf sich kräuselnden Spinne befällt. Auch ertrage er das grässliche Knirschen nicht, das die Biester von sich geben, wenn sie erschlagen werden.



Freitag, 29. Juni 2018


Nun ist es also soweit: 
Die Welt stürzt in sich zusammen.
Schon seit ein paar Tagen hat es sich angekündigt, es hat nur keiner bemerkt. Kleine, scheinbar unbedeutende, seltsam vage Zeichen, die erst sichtbar werden, wenn sich das Gemeinte erfüllt:
Ein Regenschauer, der große Blasen in die Pfützen schlug und nicht mehr enden wollte. Die Straßenbahnen wurden vom anschwellenden Wasser beinahe aus den Schienen gehoben. Dann, am nächsten Tag, waren die Straßen wieder trocken, die Sonne schien. Das Leben ging weiter, als wäre nichts gewesen.
Ein paar tote Tiere: Einige Vögel, die heftig gegen die Fensterscheibe prallten und mit gebrochenem Schnabel zu Boden stürzten. Ein toter Igel auf der Straße, der mich ansah, als hätte er noch nicht ganz begriffen. 
Eine überfahrene, halb zerquetschte Katze. Die Gedärme quollen aus ihrem Hinterleib. Bevor sie starb, hatte sie sich gerade noch an den Straßenrand retten können. 
Seltsame Begegnungen: 
Eine Frau, die mich nach der Uhrzeit fragte. Während ich kurz nachgeschaut hatte, war sie schon um die nächste Straßenecke verschwunden. (Bin ich wirklich so langsam oder sind alle anderen so schnell?)
Ein splitternackter Mann, der mich nach einer Zigarette fragte. Die Leute auf der Straße bemerkten ihn gar nicht. Am nächsten Morgen sah ich denselben Mann mit Anzug und Krawatte in den Intercity steigen.



Montag, 25. Juni 2018


Die Schildkröte und der Wal


In meiner Abschlussklausur ging es um Kafkas bislang verschollene Erzählung „Die Schildkröte und der Wal“.
Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Geschichte - nur noch an die Fragen des Prüfers. Sie gingen etwa so: 
„Wonach ist der Wal eigentlich auf der Suche? Wen oder was repräsentiert die Schildkröte? Leben Schildkröten an Land oder im Meer? 
Was bedeutet es, wenn die Schildkröte sagt: 
'Ich verbringe mein Leben auf dem Meer – das ist der einzige Grund, warum wir uns niemals begegnen'? 
Kafka selbst schloss die Geschichte mit den Worten: 'Ende des Fragments'. Können Sie das erklären?
Wählen Sie die Ihnen am besten geeignete Form der Beantwortung (analytisch, essayistisch, literarisch oder ggf. auch in völlig anderer Form...) - und begründen Sie die Fragen!“
Der Prüfer war ein junger, idealistischer Dozent und ein bisschen verrückt. Mir fiel nichts ein, ich gab ein leeres Blatt Papier ab und bestand mit voller Punktzahl.


Montag, 18. Juni 2018

Der Dorfkaplan


Unser Dorfkaplan hat einmal gesagt, wir Kinder wären wie Sandkörner, die erst in ihrer ganzen Fülle Gottes schönen weiten Strand ergeben - winzige Schräubchen, die allesamt Gottes große Maschine am Laufen halten.
Damit hat er sicher recht, ich merke es im täglichen Leben:
Wenn ich nur zwei Schritte vor die Haustür trete, stehe ich an der Haltestelle, an der die Straßenbahn schon auf mich wartet und zum Hauptbahnhof bringt. Drei Schritte weiter und ich sitze im Zug, der bereits auf dem Weg in eine andere Stadt jenseits der Landesgrenze ist. Kaum fünf Schritte vom Bahnhof entfernt liegt mein Arbeitsplatz, von dem aus der Bus mich für eine kurze Dienstreise zum Flughafen fährt...
Und kehre ich in der Nacht von einem langen Arbeitstag wieder in mein kleines Zimmer zurück, so habe ich nicht mehr als zwanzig Schritte vor die Haustür getan und bin doch um die halbe Welt gereist.